Oktavmandoline

Die Mandoline erfreute sich schon zu Zeiten Vivaldis grosser Beliebtheit. Der Barockmeister komponierte gleich mehrere grosse Konzerte für dieses kleine Instrument. Zwar konnte es sich nie aus dem Schatten seiner grossen Schwester, der Violine, lösen, doch brachte die musikalische Evolution im Vergleich zur Geige eine enorme Vielfalt von „exotischen“ Ablegern und Verwandten hervor. Die Mandoline hat die gleiche Saitenlänge (Mensur) wie eine Geige und wird auch gleich gestimmt, nämlich in G D A E. Während die Geige (Violine oder Fiddle) im Stehen und die Mandoline meist im Sitzen gespielt wird, liegen die eigentlichen Unterschiede in der Tonerzeugung und in der Bundierung der jeweiligen Instrumente. Grob gesagt entspricht eine Mandoline einer Geige mit Bünden, welche mit dem Plektrum gezupft anstelle mit einem Bogen gestrichen wird. Die aus der Geigenfamilie abstammenden Mandolinen haben mannigfaltige neue Formen hervorgebracht, so dass man heute ganz selbstbewusst von einer eigenständigen Mandolinenfamile sprechen kann. Dazu gehören neben den Mandolinen, den Mandolas, den Mandocelli, den Mandolinenbanjos auch die hier besprochene Oktamandoline. Selbst die in Griechenland so populäre Bouzouki hat eine musikalische Luftwurzel nach Irland geschlagen. Obwohl einer eigenständigen Instrumentengruppe zugehörig hat sich die Bouzouki sozusagen in die Familie der Mandolinen eingeheiratet. Als Mitgift wurde der Verlust des runden Bodys akzeptiert, so dass die sogenannte Flatbody-Bouzouki lediglich eine Art verlängerte Oktavmandoline darstellt. Die Verwendung des Begriffes Oktav im Instrumentennamen beschreibt anders als bei der Oktavgitarre, welche eine Oktvave höher erklingt, ein Instrumenmt, dessen Tonumfang um eine Oktave nach unten erweitert wurde. Wir haben es also mit einer verlängerten Mensur zu tun. In der Regel ist eine Oktavmandoline wenige Zentimeter länger als eine Mandola. Sie hat mit ca 55 Zentimetern in etwa die gleiche Mensur wie ein Tenorbanjo oder ein „irisches“ Banjo. Mandolinen und ihre artverwandten Geschwister haben ähnlich wie die Gitarren über die Jahrhunderte eine grosse Anzahl von bautechnischen Veränderungen durchlebt. Während sich die Grundform der Gitarre mit einer mehr oder weniger schlanken Talie kaum verändert hat, existiert kein Idealbild einer Mandoline. Ob als tropfenförmiges Instrument mit Roundback, oder tailenbetontes Flatbody, ob mit F-Löchern oder rundem Schallloch, ob Florentinsche Bauweise mit spitzen, abgerundeten oder gar keinem Cutaway, die einmalig geschnitzte obere Schneckenzarge der Countrymandoline, all die verschiedenen Bauformen scheinen keinem Idealbild zu folgen, sondern richten sich eher nach den Bedürfnissen und Vorstellungen der Musiker und ihrem kulturellem Umfeld. Während Bluegrassmandolinisten die von der Firma Gibson entwickelten A- oder F-Modelle bevorzugen, spielen die auch hierzulande anzutreffenden Mandolinenorchester fast ausnahmslos die in klassischer Bauweise gefertigten Roundbacks. Einzig die Bespannung mit vier sogenannten Doppelchören scheint als verbindendes Element erkennbar. Sinn und Zweck der Doppelbesaitung ist sicherlich die gesteigerte Lautstärke gepaart mit einem eigentümlichen metallischen manchmal auch etwas verstimmt wirkendem Klang, ähnlich einer 12-Saitigen Gitarre. Besonders wenn mehrere Mandolinen zusammen spielen verstärkt sich dieser Eindruck und erinnert dann entfernt an den Grundcharakter eines Spinnetts. Der Umgang mit Formen und Materialien und entsprechenden Klangvorstellungen scheint in erfreulicher Weise kaum Grenzen zu kennen. Auch ist ein Ende dieser Entwicklung nicht abzusehen. So gestalten sich die alljährlichen Besuche der Frankfurter Musikmesse für den interessierten Musikethnologen immer auch als eine spannende Exkursion durch erstaunlich erfinderisches mandolinisches Neuland. Der Entwicklung der Oktavmandoline liegt der Wunsch nach gösserem Tonumfang und Volumen zu Grunde, wobei der Mandolinenspieler wiederum keine neuen Griffe und Skalen zu erlernen hat, wenn er auf die „Octave“ umsteigt, wie sie schlicht in der amerikanischen Musikszene genannt wird. Die hier abgebildete Johnson MA 550 ist ein solides und schönes Instrument, ausgestattet mit einer massiven Fichtendecke, einem vergrösserten Klangkörper, welches nicht nur wegen seiner ausgefallenen Form und Farbgebung für staunende Blicke sorgen wird, sondern auch wegen seines eigentümlichen Klanges. Zuerst kommt es etwas scheppernd daher. Nicht gleich will sie sich in die richtige Stimmung begeben. Es dauert bis das Instrument ordentlich gestimmt ist und man eine angenehme Haltung für sich gefunden hat. Ein Tragegurt vereinfacht das Halten dieses recht kopflastigen Instruments. Dann muss man sich an das schmale Griffbrett und die Saitenabstände gewöhnen. Doch wer bereits einmal eine Mandoline in der Hand gehabt hat, der wird sicherlich nach wenigen Minuten auf diesem neuartigem Instrument zurecht kommen. Die Umgewöhnung liegt eher in der Quintstimmung und der Doppelbesaitung als an der Halsbreite. Die Oktavmandoline wird mit dem Plektrum gezupft. Sicherlich kann man ihr auch zupfend schöne Klänge entlocken, doch der Gebrauch des Plektrums garantiert nicht nur höhere Lautstärke, sondern auch mehr Dynamik und Schnelligkeit. Von besonderem Interesse könnte sein, dass die Standardstimmung einer Octave zwar mit G D A E angegeben wird, was das Umsteigen von Mandoline, irischem Banjo oder Fiddle wesentlich vereinfacht, doch kann man auf ihr ohne Probleme die typische Bouzouki-Stimmung G D A D verwenden, da nur die beiden hohen E-Saiten um einen Ganzton nach unten gestimmt werden müssen. Wie unschwer zu erkennen ist, hätte jeder D A D G A D – Gitarrist seine Freude an solch einem Instrument. Überaus interessant wäre auch die Stimmung D G H E, was den obersten vier Saiten der Gitarre entspricht. Der in Standard-Stimmung spielende Gitarrist müsste sich garnicht mehr umgewöhnen und hätte den für irische Musik notwendigen Tonumfang sofort und wegen der kürzeren Mensur sehr komfortabel unter seinen Fingern. Die Oktavmandoline lädt zum experimentieren ein und ist also weitaus mehr als reine Stimmungssache. gekürtzt erschienen in Akustik Gitarre 6/07